KEINE PLAGE WIRD SICH DIR NAHEN?

KANN MAN PSALM 91 AUF DIE CORONA-KRISE ANWENDEN?

KEN CASILLAS* | 22. MÄRZ 2020

 

Während die Welt weiterhin durch die Coronavirus-Krise geht, bemühen sich die Christen weltweit, biblisch über die Pandemie zu denken. […] Es ist ein Segen zu sehen, wie Gottes Volk mit den Worten der Bibel gegen Angst und Furcht kämpft. Andererseits wirft die Verwendung einiger biblischer Passagen durch manche Christen verwirrende hermeneutische Probleme auf, wenn diese Texte sorgfältig gelesen werden. Hier möchte ich eine solche Passage betrachten, die momentan sehr viel gebraucht wird. Es geht um Psalm 91.

 

DIE STRUKTUR DES TEXTES

Beginnen wir mit einem Überblick über diesen Psalm. In der ersten Strophe spricht der Psalmist in der ersten Person von seinem Vertrauen in Gott als seinen Beschützer.

 

1 Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt, der bleibt unter dem Schatten des Allmächtigen.
2 Ich sage zu dem Herrn: Meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, auf den ich traue!

 

In der zweiten Strophe richtet der Psalmist an einen anderen Gläubigen eine detaillierte Beschreibung des Schutzes durch Gott.

 

3 Ja, er wird dich retten vor der Schlinge des Vogelstellers und vor der verderblichen Pest;
4 er wird dich mit seinen Fittichen decken, und unter seinen Flügeln wirst du dich bergen; seine Treue ist Schirm und Schild.
5 Du brauchst dich nicht zu fürchten vor dem Schrecken der Nacht, vor dem Pfeil, der bei Tag fliegt,
6 vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die am Mittag verderbt.
7 Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen;
8 ja, mit eigenen Augen wirst du es sehen, und zuschauen, wie den Gottlosen vergolten wird.
9 Denn du [sprichst]: Der Herr ist meine Zuversicht! Den Höchsten hast du zu deiner Zuflucht gemacht;
10 kein Unglück wird dir zustoßen und keine Plage zu deinem Zelt sich nahen.
11 Denn er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.
12 Auf den Händen werden sie dich tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.
13 Auf den Löwen und die Otter wirst du den Fuß setzen, wirst den Junglöwen und den Drachen zertreten.

 

Schließlich spricht der Herr selbst in der dritten Strophe und verspricht, den Gläubigen zu beschützen.

 

14 »Weil er sich an mich klammert, darum will ich ihn erretten; ich will ihn beschützen, weil er meinen Namen kennt.
15 Ruft er mich an, so will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn befreien und zu Ehren bringen.
16 Ich will ihn sättigen mit langem Leben und ihn schauen lassen mein Heil!«

 

SICH DEN FRAGEN STELLEN

Die erste Strophe klingt wie viele andere Psalmen, indem sie den Herrn als vertrauenswürdige Quelle der Sicherheit bestätigt. Die dritte Strophe verheißt ebenfalls, dass Gott sein Volk als Antwort auf das Gebet befreien wird. Hier mag sich der Leser fragen, ob dies eine pauschale Verheißung ist und ob Vers 16 allen Gläubigen ein langes irdisches Leben garantiert.

Aber gerade die farbige und kraftvolle Sprache der zweiten Strophe wirft besorgniserregende Fragen auf, obwohl sie auch tröstet. Die Verse 3–13 scheinen dem Gläubigen zu versichern, dass er keinen körperlichen Schaden erleiden wird - sei es durch Krankheit, angreifende Armeen oder wilde Tiere. Wie viel umfassender kann man werden als „kein Unglück wird dir zustoßen“ oder „keine Plage wird zu deinem Zelt sich nahen“ (Vers 10)?

Eine spätere Aussage im Psalm legt jedoch die Notwendigkeit nahe, die Schlussfolgerungen aus dieser Passage abzumildern oder genauer zu bestimmen. Vers 15 geht davon aus, dass der Gläubige Schwierigkeiten haben wird. Und wenn wir einen flüchtigen Blick in den Rest der Bibel werfen, fallen uns alle möglichen Beispiele dazu ein. Denken Sie an das qualvolle Leiden von Hiob, Josef, David, Stephanus, Jakobus und Paulus. Ganz zu schweigen vom Herrn Jesus selbst!

Wenn wir von Jesus sprechen, ermutigt uns ein Vorfall aus seinem Leben, weiterhin unsere hermeneutischen Fragen zu stellen. In der Versuchung Christi, als der Teufel ihn aufforderte sich von der Zinne des Tempels zu werfen, zitierte Satan Psalm 91,11-12 (siehe Mt. 4,6). Unser Herr antwortete mit 5. Mose 6,16: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen“ (Mt. 4,7). Es ist ganz klar, dass wir zumindest folgende Einschränkung machen müssen: Psalm 91 garantiert keinen Schutz, wenn wir hochmütig dumme Dinge tun. Und wenn wir das Neue Testament weiter lesen, finden wir Gründe für eine zusätzliche Einschränkung: Es gibt mehrere explizite Erklärungen, dass Gottes Volk in diesem Leben leiden wird. (z.B. Apostelgeschichte 14,22; 2. Timotheus 3,12 und 1. Petrus 4,12)

 

EINE ÜBERSICHT ÜBER DIE OPTIONEN

Was sollen wir dann aus den Verheißungen von Psalm 91,3–13 machen? Wir könnten sie hyperbolisch verstehen, d.h. als rhetorisches Stilmittel der Übertreibung, die das Ziel hat, einen Punkt besonders hervorzuheben. Vielleicht. Aber ich hätte damit Schwierigkeiten.

Bedeutet "Kein Unglück" in Wirklichkeit "ein wenig Unglück" oder "das schlimmste Unglück"? Was für eine Sicherheit gibt „kein Unglück“ dann überhaupt noch? Und wie können wir herausfinden, welches Unglück von dem Versprechen abgedeckt wird und welches nicht? Erst heute habe ich die traurige Nachricht über einem Pastor bekommen, der an dem Coronavirus gestorben ist. Fiel das nicht in das "schlimmste Unglück", von dem dieser Christ verschont bleiben sollte? Oder hatte dieser Mann, wie manche Wohlstandsprediger vielleicht argumentieren, nicht genug Glauben?

Ein besserer Ansatz wäre es, Psalm 91 im Kontext des mosaischen Bundes zu verstehen. Insbesondere versprach der Herr Israel eine Reihe von physischen Segnungen, wenn die Nation den Anforderungen des Bundes gehorchte. Dazu gehörten militärischer Sieg, finanzieller Wohlstand, gute Gesundheit und ein langes Leben. (Siehe 3. Mose 26 und 5. Mose 28.) Psalm 91 könnte auf einzelne Israeliten den Bundessegen der Tora anwenden. Diese Interpretation scheint natürlich, aber wir sollten einen anderen Faktor berücksichtigen.

In der Mitte der Verheißungen von Psalm 91 heißt es in Vers 8: „ mit eigenen Augen wirst du es sehen, und zuschauen, wie den Gottlosen vergolten wird." Diese Aussage verbindet die in diesem Text erwähnten körperlichen Leiden mit Gottes Urteil über diejenigen, die in Rebellion gegen ihn leben. Die Verheißungen der Befreiung beziehen sich also nicht auf alle Formen körperlichen Leidens, sondern auf zeitliche Strafen, die Gott den Gottlosen auferlegt.

Auch hier ist eine gewisse Einschränkung angebracht. Manchmal haben einzelne gottesfürchtige Israeliten nach Gottes Urteil über Israel als ganzes Volk auch Strafe erleiden müssen. Infolgedessen spricht Psalm 91 möglicherweise eine bestimmte Situation an - wahrscheinlich eine militärische Krise -, in der Gott versprach, die einzelnen Gottesfürchtigen in der Situation vor allem Schaden zu schützen.

Die Anwendung des Textes auf andere alttestamentliche Bundesszenarien müsste einen gewissen Spielraum für Ausnahmen lassen. In der Tat lehrten die Weisheitsbücher Israel, dass es im Geheimnis der Vorsehung Gottes Ausnahmen vom allgemeinen Muster seiner Werke gab.

 

DEN TEXT ANWENDEN

Was ist mit uns? Wie können neutestamentliche Gläubige Psalm 91 anwenden? Seine umfassenden Zusicherungen - insbesondere die Verse 1 und 2 - begründen unser Vertrauen in Gottes Kraft und sein Engagement für diejenigen, die sein Volk sind (unter welchem Bund auch immer). Wir sind sicher in Gottes schützendem Schatten.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass unser Leben frei von Leid sein wird. Daher möchte ich uns ermutigen, die spezifischeren Verheißungen von Psalm 91 nicht als Garantie dafür zu „beanspruchen“, dass wir keinen besonderen Schaden erleiden können. Die Absichten Gottes sind oft komplexer.

Um die spezifischen Verheißungen anzuwenden, sollten wir uns auf die größeren Linien der Bibel konzentrieren. Wenn es sich bei den Drohungen um göttliche Gerichte handelt (Vers 8), können wir sie auf das endgültige Gericht Gottes über die Gottlosen anwenden. Wir werden vom Feuersee verschont bleiben, weil Jesus Gottes Zorn für uns erlitten hat! Das ist unendlich besser, als von einem Virus verschont zu werden.

Schließlich wird eines Tages das ganze Volk Gottes die physischen Befreiungen von Psalm 91 im wörtlichen Sinn genießen. Der Krieg wird aus dem messianischen Königreich verbannt (Jes. 2,4). Kein Tier wird auf dem heiligen Berg Gottes andere verletzen oder töten (Jes. 11,9). Unser Gott „wird jede Träne von unseren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, es wird weder Trauer noch Weinen noch Schmerz mehr geben, denn die früheren Dinge sind vergangen“ (Offb. 21,4). Welche Leiden Gott in diesem Leben auch schicken mag, sie sollten unsere Sehnsucht nach der Herrlichkeit des nächsten Lebens verstärken.

 

*Ken Casillas ist Professor für Altes Testament an der Bob Jones University in Greenville, SC und Pastor der Cleveland Park Bible Church in Spartanburg, SC.

[Dieser Artikel wurde in Englisch unter dem Titel „No Plague Will Come Near You?“ auf https://seminary.bju.edu/theology-in-3d/no-plague-will-come-near-you/ veröffentlicht und mit der Erlaubnis des Autors von A. Reimer übersetzt und adaptiert.]

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